1. Stock Netto, 2. Stock Militärproduktion – die schleichende Ausbreitung der Militarisierung in unseren Kiezen

aus: Lichtenberg

Die Welt hat im vergangenen Jahr so viele Kriege und bewaffnete Konflikte erlebt wie noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Auch mit dem noch jungen Jahr 2026 ist keine Besserung in Sicht, denn es begann am 03.01. sofort mit dem völkerrechtswidrigen Angriff der USA auf Venezuela. In unserem Alltag scheint das alles aber sehr fern zu sein, der nächste Krieg ist zudem auch mindestens 2000 Kilometer entfernt. Gerade auch deswegen ist es ab und zu schwer zu realisieren, dass obwohl diese Konflikte geographisch weit entfernt sind, sie Verbindungen bis in unsere nächste Umgebung haben. Nicht nur nach Berlin Mitte, wo viele Rüstungsunternehmen ihren Sitz haben, sondern auch unmittelbar in unsere Bezirke, wo wir leben, arbeiten, wohnen. Ein deutliches Beispiel dafür ist das Unternehmen Andres Industries, ein Hersteller für Wärmebildkameras, der die Bundeswehr beliefert. So befindet sich ihr Hauptstandort in Lichtenberg im Büro- und Geschäftszentrum Hohenschönhauser Tor, direkt über dem Netto, in dem jeden Tag tausende Lichtenberger:innen einkaufen. Während wir also unseren Alltag bestreiten und für unsere Familien einkaufen, wird über unseren Köpfen Kriegsgerät entworfen, das dabei mithilft, überall auf der Welt zu morden. Ist der Konflikt also vermeintlich weit entfernt, beginnt er auch hier in Berlin, direkt über unseren Köpfen.

Von iPad-Hüllen zu Maschinengewehraufsätzen

Angefangen hat das Unternehmen Mitte der 2000er mit der Herstellung von Schutzhüllen für elektronische Geräte, bis es 2012 mit der Entwicklung von einer Wärmebildbrille in den Bereich der Wärmebildtechnik einstieg. Es hat ein Weilchen gedauert, bis der große Durchbruch kam. Doch darauf zu wetten, dass die kapitalistische Barbarei nach immer neuen und effizienteren Wegen sucht, wie sich die Menschen unserer Klasse gegenseitig umbringen können, hat sich schließlich ausgezahlt. So fand das Unternehmen die ersten Abnehmer, die die “Technologie testen” wollten: Spezialeinheiten der deutschen Polizei.

2020 erfolgte dann der Durchbruch mit dem, laut eigenen Angaben, leichtesten und kleinsten Wärmebildgerät der Welt, das Ziele bis auf 3 km Entfernung entdecken kann und den niedlichen Namen TigIR trägt. Für was das Akronym stehen soll, gibt das Unternehmen nicht an, aber das ist ja schlussendlich auch egal – die Geräte sind für 10.000 Euro pro Stück jedenfalls ein Schnäppchen. Mit dem TigIR hatte Andres erstmals militärische Kunden von verschiedenen Armeen osteuropäischer Staaten erreicht und überzeugt. Aufgrund des Erfolgs wurde dann auch der modernere und größere Unternehmensstandort in Berlin Lichtenberg bezogen. Die Kapazitäten wurden ausgebaut und die Produktion der hochkomplexen Wärmebildgeräte – nun auch direkt vor Ort möglich – hochgefahren. So wie in der gesamten Rüstungsindustrie klingelten auch bei Andres Industries mit dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine 2022 kräftig die Kassen. Heute sind mit etwa 80 Prozent des Umsatzes verschiedene militärische Abnehmer die wichtigsten Kunden, auch die Bundeswehr ist darunter.

Da haben sich zwei gefunden – Kriegsgeräte kann man auch mit internationalen Partnern bauen

Der Erfolg von Andres bleibt auch anderen Kapitalist:innen nicht unbemerkt: so hat der große griechische Rüstungskonzern „Theon International“ jüngst 1,1 Millionen Euro in Andres investiert. Ein großer Motivator für dieses Investment ist wohl auch der günstige Unternehmensstandort in Berlin, da er nahe an den politischen Entscheidungsträgern der BRD ist. Und dass die Militarisierung der BRD Rekordgewinne verspricht, ist kein Geheimnis. So werden alleine in die neue Ausrüstung für die Bundeswehr mindestens 3 Milliarden Euro investiert, das sind zwischen 150.000 und 250.000 Euro für die Ausrüstung eines (!) Soldaten. Theon und Andres haben kräftig zusammen abgesahnt, sie verkauften 4.400 ihrer Wärmebildkameras für 50 Millionen Euro (über 11.000 Euro pro Gerät), und es gibt eine weitere Option über insgesamt 100 Millionen Euro. Dass solche absurden Ausgaben sich nur durch eine Kürzung des Sozialstaats finanzieren lassen, spüren wir schon heute am eigenen Leibe – an wen dieses “eingesparte” Geld dann geht, wissen wir auch.

Wenn Frieden als Feigheit gilt

Als großen Profiteur des Ukraine-Krieges plagt den Vorstand und Gründer des Unternehmens Dr. Björn Andres scheinbar doch sein Gewissen. So veröffentlichte er 6 Monate nach Beginn des Krieges auf der Website eine Stellungsnahme mit dem Titel “Verteidigung ist Menschenrecht”, um die eigene Militärproduktion zu rechtfertigen. Er ging bei Beginn des Krieges davon aus, „dass nun eine weitsichtige politische Entwicklung zu einer Sicherheitspolitik beginne, in der unser Land und unsere Bündnisse die lange notwendige militärische und zivile Resilienz gegen Angriffe erreichen werden.“ Sehr bestürzt sei er zudem über Stimmen aus der Zivilbevölkerung, die sich gegen eine Militarisierung, die mit Kriegsgerätlieferungen in die Ukraine an Fahrt aufnahm, stellen. Weiter heißt es: „Wer eine berechtigte Angst vor einem durch Russland verursachten Atomkrieg hat, sollte seine Feigheit nicht hinter der Ausrede verstecken, dass er Blutvergießen in der Ukraine verhindern will. Wer Angst vor einem Wohlstandsverlust hat, sollte einfach sagen, dass ihm das warme Wannenbad wichtiger ist als die Freiheit seiner Nachbarn, ja wichtiger ist als seine eigene Freiheit und die Freiheit Europas.“

Friedenspolitische Positionen werden hier zu Feigheit erklärt, soziale Ängste zu moralischem Versagen umgedeutet. Ein Großteil der deutschen Bevölkerung, der jetzt schon die Folgen vom Abbau des Sozialstaats durch einhergehende Aufrüstung zu spüren kriegt, solle sich mal nicht so anstellen im Angesicht der großen Gefahr. Schlussendlich geht es darum, „unsere Freiheit“ zu verteidigen. Was Andres hier mit Freiheit meint, können wir uns denken: die Freiheit weiter von diesen abscheulichen Konflikten zu profitieren. Das zeigt wieder mal, wie leer doch der Begriff Freiheit in der BRD geworden ist, denn: was für eine “Freiheit” soll das sein, wenn wir von diesem Staat mit der Wehrpflicht gezwungen werden, für ihn zu sterben.

Noch absurder wird das Ganze, wenn man bedenkt, dass aufgrund des Unternehmenswachstums nun deutlich mehr Arbeiter:innen benötigt werden. Hier greift Andres Industries auf die günstige Arbeitskraft von Geflüchteten aus der Ukraine zurück. Somit schließt sich der Kreis und die Menschen, die vor dem Krieg fliehen, müssen in der BRD weiterproduzieren für dessen Aufrechterhaltung. Alles für Frieden, Freiheit und Sicherheit – versteht sich von selbst.

Dual Abuse – Profitverschleierung für den Krieg

Andres Industries ist nur eines von vielen Unternehmen in Berlin, die von der neuen Sicherheitspolitik der Bundesrepublik profitieren. Das Geschäftsmodell folgt dabei einem bekannten Muster: Auf der einen Seite zivile Produkte wie iPad-Hüllen für die Feuerwehr, auf der anderen Seite Ausrüstung für Militärs auf der ganzen Welt. Unter dem Schlagwort „Dual Use“ werden zivile und militärische Produktion in einem Unternehmen vereint – eine Konstruktion, die wirtschaftlich erfolgreich ist und es Unternehmen erlaubt, sich der politischen Verantwortung für die militärische Nutzung ihrer Produkte zu entziehen.

In Berlin nimmt die Zahl solcher Dual-Use-Firmen stetig zu. Der Autozulieferer Pierburg im Wedding z.B. produziert inzwischen Munition, der Drohnenhersteller GermanDrones (Standort in Moabit) entwickelte ursprünglich für Landwirtschaft, Vermessung und Katastrophenschutz, bedient heute jedoch vor allem militärische Abnehmer und hat bereits Drohnen in die Ukraine geliefert. Aus ziviler Technologie wird so Schritt für Schritt Kriegsgerät – mitten in der Stadt. Diese Unternehmen stehen und bauen ihre tödlichen „Produkte” also nicht irgendwo, sondern in unseren Kiezen, neben unseren Schulen, über unseren Supermärkten. Und genau deshalb sind diese Kriege nicht weit entfernt und belanglos für uns, sondern betreffen uns direkt, sie starten und existieren auch bei uns!

Sich gegen diese Entwicklung zu stellen bedeutet nicht, Freiheit zu verraten oder feige zu sein, wie der oben genannte Kapitalist uns glauben machen will. Für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit eintreten kann nur ein konsequenter Antimilitarismus, der sich gegen alle Kriege dieser Welt stellt. Ziviler Widerstand und politisches Aktivwerden bleiben notwendige Mittel, um einer Öffentlichkeit entgegenzutreten, die beginnt, den Krieg zu normalisieren – und das muss vor der eigenen Haustür beginnen!

Du hast auch genug von den Lügen der Kapitalist:innen, die die Militarisierung rechtfertigen wollen? Du willst gegen die voranschreitende Militarisierung aktiv werden? Dann komm am 24.01. ab 14 Uhr zu uns ins Café Wostok, für einen ersten Austausch!


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