Arm durch den Winter

Dass die Inflation uns alle gleichermaßen trifft, ist falsch. Aus der Politik kommen gerade oft Parolen wie: „Wir sitzen alle im selben Boot“ – Lügen, die nur die Klassenunterschiede verschleiern sollen. Wahr ist: Es gibt klare Unterschiede im Einkommen und bei vielen Familien im Wedding wird schon seit Monaten das Geld immer knapper. Die Preisexplosion trifft Familien besonders hart, denn von ein oder zwei Einkommen müssen viel mehr Personen versorgt werden: Erwachsene, Kinder, Großeltern, gelegentlich auch noch Haustiere.

Dadurch ist der Verbrauch viel größer. Die hohen Preise fallen direkt mehr ins Gewicht, wenn jede Woche eine Flasche Öl gekauft werden muss. Im Wedding ist die Lage noch verschärft, denn hier lebt ein Drittel aller Erwachsenen unter der Armutsgrenze und rund um die Reinickendorfer Straße fallen bis zu 70% aller Kinder und Jugendlichen darunter. Auch die Altersarmut liegt im Wedding 200% über dem Berliner Durchschnitt. Und diese Daten stammen aus der Zeit vor dem Einsetzen der starken Inflation, die wir gerade erleben und die die finanzielle Situation für den ärmeren Teil der Gesellschaft noch weiter verschärft.

Die Inflation trifft alle Bereiche, doch besonders die Grundversorgung: Lebensmittel, Heizen, Bildung und Mobilität. Das sind keine Luxusgüter, sondern Ausgaben, die man im Alltag nicht einsparen kann. Im Gespräch meint eine Mutter: „Ich würde meine Familie gern gesund ernähren, aber ich kann es einfach nicht bezahlen.“ Pausenbrote, ein Eis für die Kinder oder regelmäßig Gemüse und Obst: von all dem
berichten viele Eltern inzwischen als Zusatzausgaben, die fast nicht mehr möglich sind.

Jetzt im Winter verschlimmert sich die Lebenssituation nochmals. Denn die Heizkosten kommen als zusätzliche Ausgaben dazu. Obwohl es gerade schon kalt ist, verzichten fast alle darauf die Heizung aufzudrehen – aus begründeter Angst am Ende die Rechnung nicht bezahlen zu können. Die sowieso schon beengte Wohnsituation (oftmals wohnen fünfköpfige Familien sehr beengt in Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnungen und finden seit Jahren keine größere Wohnung), wird dadurch in diesem uns bevorstehenden Winter nochmal mehr zur Belastung.

Kinder und Jugendliche stellen sich als die großen Verlierer der letzten Krisen heraus: Während Corona
mussten sie sich schon mit ständigen Unterrichtsausfällen, Homeschooling, kalten Klassenzimmern und nichtsdestotrotz hohen Prüfungsanforderungen herumschlagen – eine riesige Belastung ist auch für die ganze Familie der Wegfall von vielen Stunden von Betreuung. Jetzt soll wieder gespart werden: Berlin hat angekündigt, die Verfügungsfonds, aus denen öffentliche Schulen bisher bis zu 28.000 Euro für kleine Reparaturen, zusätzliches Personal oder Möbel bezahlen konnten, auf maximal 3.000 Euro zu kürzen. Außerdem soll auch dort weniger geheizt werden und die Schüler werden dazu angehalten, kein Warmwasser zu „vergeuden“.

Besonders leiden unter dieser Belastung Frauen, die meistens für den Haushalt und die Versorgung der Familie zuständig sind. Sie sind dafür verantwortlich, mit dem Geld, das viel weniger wert ist, einkaufen zu gehen, regelmäßig Essen und Pausenbrote für die Kin der vorzubereiten und neue Kleidung zu kaufen. Auch wenn es schön wäre, wenn sich Paare diese Arbeit gerecht aufteilen würden, sieht die Realität meist anders aus. Und während der Betreuungskrise während Corona mussten noch mehr Frauen doch wieder zu Hause bleiben. Die Situation von Alleinerziehenden wird verheerend: mit einem Einkommen sind die aktuellen Preise praktisch unbezahlbar.

Doch neben den einschneidenden Einschränkungen im Alltag, die viele dazu zwingen, ständig zwischen den grundlegendsten Bedürfnissen entscheiden zu müssen und beim Essen oder an der Versorgung der Kinder zu sparen, gibt es auch noch langfristige Folgen. Zum einen leidet die Gesundheit massiv, wenn man zu wenig oder nur sehr unausgewogen essen kann. Auch ständige Kälte in der Wohnung oder der dadurch entstehende Schimmel führen zu gesundheitlichen Schäden. Außerdem werden Bildung und Freizeitgestaltung für Kinder unbezahlbar und vielen wird die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben unmöglich gemacht.

Vom Staat können wir in dieser Lage keine Unterstützung erwarten: Er ist der Staat der Konzerne und Banken. Stattdessen müssen wir uns gegenseitig unterstützen und unsere eigenen Strukturen aufbauen, damit niemand zurückbleibt, damit wir alle gemeinsam gut durch den Winter kommen.

Besucht uns in der Kiezkommune65,
Buttmannstr. 1a, Wedding